Skitouren-Grundkurs im Januar 2015 – Heidelbergerhütte / Silvretta

Kammnaher Triebschnee, Selbstbau-Sondierbar und eine ´gsunde Hüttengaudi

2 Heidelberger Huette

Dienstag ist Anreisetag: Gerald drückt aufs Tempo. Schließlich müssen wir pünktlich sein: Der Skidoo soll uns und die weiteren zehn Teilnehmer des Kurses um Punkt 17:00 Uhr am Ende der Talabfahrt in Ischgl abholen. Der Skidoo mutiert zum Pistenbully, wir dürfen drinnen Platz nehmen und rattern Richtung Heidelberger Hütte im hinteren Fimbatal. 14 km, rund 700 Höhenmeter und 70 Minuten später taucht die „Hütte“ aus dem Schneetreiben auf:  „…weiß und groß wie ein Mehrfamilienhaus in einer bayrischen Kleinstadt (Magazin Bergsteiger, Heft 04/14)….“. Die inneren Werte zählen – wie der Hüttenwirt Loisl, ein Prachtexemplar seiner Gattung, oder die bizarre Skischuhheizung. Abends Vorstellungsrunde: unbestreitbar nehmen nur nette Leute an dem Kurs teil – und die beiden Kursleiter, Josef Urban und Karl Koettnitz (auch nett). Dazu Einstieg in die Lawinenkunde. Das Thema Triebschnee werden wir durch Theorie und Praxis Ende der Woche wohl begriffen haben.

Mittwoch: Strahlender Sonnenschein, knackige Kälte, nix wie raus insangewandte Skibergsteigen. Treffpunkt 09:00 Uhr vor der Hütte. Hektik bricht aus. Keiner will der Letzte sein und – Lex Karl – die Schnapsrunde am Abend zahlen müssen. Ralf reißt die Zeitvorgabe mühelos, ist aber scheinbar seit längerem auf diese Rolle gebucht. Die Gruppen werden eingeteilt: Karl führt die „Blümchengruppe“, Josef die „Schleifergruppe“. Zum Warmwerden umfangreiche LVS-Übungen inkl. Bergungstraining – Ausschaufeln ist wirklich ein Knochenjob! Danach Gehtechnik im Gelände, insbesondere Spitzkehrentraining in Berg- und Talausprägungen mit und ohne „Kick“. Mittags die ersehnte erste Tour an den Berghängen östlich der Hütte. Wie es sich für einen Grundkurs gehört, geht es mit Schwankungen im Tempo und immer wieder variierendem Anstiegswinkel grob in die angedachten Richtungen los. Tiefschnee, Windharsch, vereiste und abgeblasene Stellen im ständigen Wechsel. Fräulein Smilla kann hier noch was lernen. Abends  Tourenplanung „do-it-youself“ mit Karte, Planzeiger und Kompass. Die angekündigte Hüttenruhe um 22.00 Uhr verliert vor dem Hintergrund eines frischluftreichen Hochgebirgstages, der reichhaltigen Tiroler Küche am Abend sowie der fordernden Lerneinheit ihren Schrecken…

Donnerstag: Schneetreiben, die großartige Bergarena im hinteren Fimbatal versteckt sich hinter dichten Wolken. Heutiges Ziel: Piz Davo Sasse, knapp 2.800 Meter ü.NN. Die Stimmung ist trotz schlechter Sicht und leichtem Schneetreiben bestens. Wir schlurfen mit maximalmöglichem Elan von Check-Point zu Check-Point, und wechseln uns beim Spuren ab.  Auch bei dieser vergleichsweise einfachen und kurzen Tour zeigt sich, wie wichtig eine gute und genaue Tourenplanung ist; insbesondere bei der bescheidenen Sicht und fehlenden Orientierungsmöglichkeiten. Am zugigen Gipfel reißt es plötzlich auf, das Wetter wird besser, die grandiose Bergumrahmung wird sichtbar. Der umstrittene Vorposten des Ischgler Skizirkus, Piz Val Gronda, ist nur einen  Steinwurf entfernt. Ben in seinem Fotografierrausch muss vom Betreten der Gipfelwechte gewarnt werden. Nach der Gipfeljause  folgt die Einzelabfahrt mit Entlastungsabständen, schließlich ist die Altschneedecke in allen Expositionen problematisch aufgebaut.

Freitag: Bedingt durch stürmischen Wind bei eisigen Temperaturen  (-15 Grad) und Schneetreiben starten wir erst mal mit Theorie, gefolgt vom Graben von Rettungshöhlen sowie  einer „Sondierbar“ in psychologisch wertvoller Hüttennähe. Das unfreundliche Wetter lässt nur eine kleinere nachmittägliche Skitour zu. Es ist alles irgendwie nur weiß, die Abfahrt wird zum Blindflug. Thomas nutzt diese zur Geschmacksprobe der Schneearten in nahezu allen Geländesituationen. Aber dank Klaus steigt abends das Stimmungsbarometer wieder deutlich, er schafft es mühelos den Gruppentisch und benachbarte Areale in der gemütlichen Gaststube „in Schwingung“ zu bringen.

Samstag:  Alle Kursteilnehmen wissen, dass der Tag seine guten und weniger guten Seiten haben wird. Zu den guten Seiten gehört, dass Loisl, der Hüttenwirt und Kenner aller Thekensprüche an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feiert  – und für die Feier ganz nebenbei die Hüttenruhe aufgehoben hat! Die weniger gute Seite: Es steht die letzte Skitour einer wunderschönen Woche an, denn am nächsten Morgen (Sonntag) ist Abfahrt. Dass unsere nette DAV Gruppe nur noch eine Skitour gemeinsamen machen wird, wird der einzige Wermutstropfen des Tages sein. Denn es wird einer dieser wundervollen Tage, den sicher alle Teilnehmer nicht vergessen werden.

Knapp vor überschreiten des Schnapsrunden-Zeitlimits (9:05 Uhr!), stehen alle abmarschbereit vor der Hütte. Heute gibt es als „Belohnung“ für einen sehr lustigen, langen und geselligen Hüttenabend (inkl. der unvermeidlichen schweren Köpfe) einen fast wolkenfreien Himmel,Sonnenschein, -8 Grad und mehrere Zentimeter Neuschnee. Somit also perfekte Bedingungen. Nach einem herzlichen „Verlauft Euch nicht“, zieht Josefs Gruppe Richtung Piz Moltana (2.928 m), und Karl mit seiner Gruppe Richtung Zahnjoch (2.947 m) los. Trotz Konditionsunterschieden, unterschiedlichen ästhetischen Ansprüchen an Spuranlage und Kurvengehen (eng und kantig, oder ausgedehnt und schööön rund), kommen alle gut gelaunt an den hochalpinen Zielpunkten an. Bei Hüttentee und Vesperbrot – was für ein Service, „Danke“ Loisl – genießen wir bei strahlendem Sonnenschein die fantastischen Weitblicke zum Ortler und Cevedale bzw. zur Bernina. Gestärkt und mit wichtigen Hinweisen für die Abfahrt versehen, geht‘s durch schönsten Pulverschnee wieder abwärts. Spätestens jetzt wird deutlich, was der Begriff „Suchtgefahr“ in der Kursausschreibung meint… Die letzten Meter sind zwar wieder flacher, aber durch die Zufriedenheit und das Glücksgefühl der wundervollen Abfahrt berauscht schweben wir dahin – auch wenn es von außen betrachtet bei den meisten nicht mehr so aussieht….

Fazit: Tolle Bedingungen, ein fittes Leitungsteam und eine spaßige Truppe.

Und:  Wie der Hüttenwirt Loisl erkennt, dass jemand zur Abreise bereit ist, wie ein Mofa schläft, und wie Karl und Josef den ganzen Kurs unvergesslich machen? Muss man erleben!

Prädikat: Absolut mitmachenswert!

Ein Bericht von Josef Schneider & Thomas Kraus

Bilder von den Teilnehmern