Sonne und „Schnürlregen“ – Rund um den Wilden Kaiser

Stripsenkopf vor Kaiser-Felsen
Stripsenkopf vor Kaiser-Felsen

Sechs Tage Wilder Kaiser – das waren drei Tage Sonne und drei Tage „Schnürlregen“, eine tolle Gruppe, eine schöne Landschaft, gemütliche Hütten, eine echte „Wilde Kaiserin“ und hervorragendes Essen. Hier der Bericht über die Hüttentour von Editha Toporis-Schmitt.

Samstag, 09.07.2016, pünktlich um 7:15 Uhr treffen sich sechs erwartungsfrohe Wanderer samt Wanderleiter am Bahnhof in Wiesbaden. In Kastel steigt der siebte dazu, in Frankfurt sind wir dann bereits acht. Umstieg in den ICE nach München. Mit dem Umstieg in die Österreichische BB nach Kufstein stellt sich, bei herrlichstem Wetter, ein zartes Urlaubsgefühl ein. Ab Kufstein noch drei Stationen mit dem Bus und wir sind an unserem Einstieg in Ebbs angekommen. Nur eine Teilnehmerin fehlt noch. Nach einem ausgiebigen Stau-Hopping trifft sie eine Stunde später ein und kommt mit unserem Wanderleiter, der natürlich gewartet hatte, nur 10 Minuten nach der Gruppe an unserem ersten Tagesziel, dem Hans-Berger-Haus, an. Das ist Motivation! Jetzt sind wir komplett (Angela, Editha, Kasia, Susan, Helmut, Jürgen, Peter und 2 x Matthias).

Zurück zum Einstieg in Ebbs: Dieser beginnt mit einer recht langen Treppe, der Kaisertaltreppe – die Stufen haben wir vergessen zu zählen. Danach folgt der Weg zur Antoniuskapelle, die Kleine Halt bereits im Blick. Das DAV-Anton-Karg-Haus lassen wir rechts liegen und steigen weiter auf zum Hans-Berger-Haus (Naturfreunde). Unterwegs treffen wir auf die ersten Bremsen, es sollten nicht die letzten bleiben.

Es empfängt uns (4 Frauen, 5 Männer) im Hans-Berger-Haus ein junger Mann mit einer für uns etwas ungewohnten und bunten Kopfbedeckung, die etwas an Bob Marley erinnert. Wie sich herausstellt, ist er der Sohn der Hüttenwirtin. Wir genießen die Nachmittagssonne und wollen draußen essen. Zum Abendessen endlich, lernen wir sie kennen: die Wilde Kaiserin Silvia Huber, eine resolute und sehr humorvolle Frau. Das Essen schmeckt prima und die Zimmer sind angenehm. Es gibt Duschen und einen Föhn.

Abendessen im Hans-Berger-Haus
Abendessen im Hans-Berger-Haus

Am nächsten Morgen entdecken wir auf dem Frühstückstresen in der Küche ein Glas, auf dem „Tsampa“ steht. Silvia klärt uns über die Verwendung und Vorzüge des geheimnisvollen Pulvers auf (geröstete, dann gemahlene Gerste, Hauptnahrungsmittel der Nepalesen) und ich teste es. Endlich habe ich eine Alternative zum mir nicht geliebten Müsli gefunden! 7:50 Uhr treffen wir uns vor der Hütte, unser WL erklärt uns die Route, danach kurze Gymnastik, dann brechen wir zu unserer Tour über Stripsenjochhaus, Stripsenjoch zum Stripsenkopf auf, im dortigen Pavillon machen wir Rast. Danach führt uns der Weg über einen Grat mit steilem Aufstieg zum Feldberg, unserem höchsten Ziel an diesem Tag. Unsere Pause in der Mittagshitze haben wir uns verdient und wir dösen ein wenig, umgeben von gefühlt 1.000 Mücken, bis es uns in der prallen Sonne zu heiß wird. Danach geht es 1.300 Höhenmeter bergab. Die Hitze drückt, die Füße brennen und unsere Wasservorräte schwinden. Belohnt werden wir durch unser Ziel, den Gasthof Griesenau, der sich als Forellenparadies entpuppt und einen großen Bade-/Fischteich hinter dem Haus hat. Bis zum Abendessen nutzen einige die Zeit, den Fischen Gesellschaft zu leisten. Zum Essen gibt es das kulinarische Highlight auf dieser Tour, fangfrische, in Butter gebratene Forellen … hmmmm. Dass an diesem Abend das EM-Endspiel Spanien – Portugal stattfindet, und dass wir ein einziges funktionierendes TV-Gerät mit Empfang in den Zimmern haben, dass das Bild über SAT-Schüssel unterirdisch ist, und dass nach dem Einsetzen von Regen, Donner und Blitz gar nichts mehr zu sehen ist, ist rückblickend auf den tollen Wandersonntag zur Nebensache geworden.

Nach einem umfangreichen Frühstück machen wir uns diesmal mit Pilates-Übungen warm und brechen Richtung Gaudeamushütte auf. Das Wetter ist LSF 50 aber: es ist für den späteren Nachmittag Regen und Gewitter angesagt. Der Aufstieg führt uns steil durch einen Märchenwald, die Trolle entpuppen sich als lästige Bremsen, die uns nicht mehr in Ruhe lassen. Fenistil mit Cortison ist stets griffbereit. Oberhalb der Waldgrenze teilt sich der Weg zur Gaudeamushütte in einen vermeintlich einfachen, gemütlich aber dafür etwas längeren Weg und in einen spannenden wunderschönen Weg auf gleicher Höhenlinie mit schmalen Pfaden, teils durch Latschen, teils am Fels entlang mit Seilen zum Festhalten. Ich habe noch nie so viele Teufelskrallen gesehen. Am Bergsteigergrab legen wir eine Trinkpause ein und genießen den Blick über Going und Ellmau samt den dazugehörigen Skipisten bis hin zum Großvenediger. Der Blick in den Himmel spornt uns zu einem raschen Abstieg an. Noch in voller Konzentration beim Füßesetzen hören wir die Kuhglocken der Zielhütte. Die vielen Kälber, die in einigem Abstand zur Hütte grasen, sind ein Bild fürs Herz und wir lernen, dass Kälber liebend gerne schweiß- und salzbedeckte Arme abschlecken. Die erste Hopfenkaltschale genießen wir noch im Freien, dann trifft die Wettervorhersage ein. Regen – Blitz – Donner – die ganze Nacht. Die Gaudeamushütte wurde gerade renoviert. Wir Frauen hatten ein schönes helles 4-Bett-Zimmer mit genügend Platz für die Rucksäcke und jeweils mehreren Haken für die Utensilien. Auch hier gibt es eine Dusche und zum Abendessen erwartet uns eine Riesenportion Hackbraten.

Bereits am Vorabend steht fest, dass die Etappe zur Gruttenhütte über die Goinger Halt für uns leider nicht zu gehen ist, die Hüttenwirtin rät uns davon ab. Wir wählen also die Alternativroute durch den Wald über die Riedlhütte, die leider wegen des Wetters geschlossen ist. Ade Kaffee. Stattdessen nehmen wir eine Marille zu uns und gehen weiter aufwärts. Auf einer Lichtung sehen wir viele Steine rumstehen, kleine, große, ganz große, den Ellmauer Steinkreis.

Ellmauer Steinkreis am Wilden Kaiser

Nur 30 Minuten oberhalb der Wochenbrunner Alm bildet der Ellmauer Steinkreis ein energetisches in sich geschlossenes Natur-Kraftfeld in Form eines riesigen Mandalas. Feinfühlige Menschen finden meist intuitiv den passenden Stein für sich, lassen sich wie selbstverständlich darauf nieder und beginnen zu genießen und zu meditieren. Aber auch weniger versierte Besucher spüren die Kraft der Steine und des Wilden Kaisers und so manchem hat der Steinkreis-Rundweg geholfen, die Gedanken zu klären und Energie zu spenden. Sich auf diesen außergewöhnlichen Steinkreis einzulassen, bedeutet in erster Linie den Alltag inmitten herrlicher Natur hinter sich zu lassen.

Wie wir unterwegs noch einige Male überrascht feststellen, ist dieser Steinkreis von mehreren Plätzen und Höhen aus einsehbar. Es folgt der unattraktive Aufstieg über den Fahrweg zur Gruttenhütte, die von der Bewirtschaftung her keine Wohlfühlhütte ist. Hier fehlt eindeutig der Hüttenwirt vor Ort. Da wir bereits mittags auf der Hütte eintreffen, macht sich, nach einem kleinen Mittagessen, ein Teil von uns auf eine kleinere Tour auf. Der Weg führt oberhalb der Hütte steil über eine Serpentine mit lockerem Gestein entlang. Aus der Nähe beäugt uns eine Gämsenherde, zu unserer Freude ist auch ein Kitz dabei. Der Weg führt uns am Fels entlang und wir werfen einen Blick zum Aufstieg auf das Kopftörl bevor es an den Abstieg geht oder besser: rutscht. Auf Schotter rutschen wir mit lautem Gejohle einige Höhenmeter ab. Der weitere Weg über Blocksteine rundet diese vielseitige Nachmittagstour ab. Dieser Tag endet recht verschlafen, weil regnerisch und wir liegen alle um 21:30 Uhr in den Betten.

Regen und Kühe
Regen und Kühe

Am nächsten Morgen spiegelt sich das Wetter im lieblosen Frühstück wider. Wir starten in Regenjacken, zum Teil auch in Regenhosen und testen unser Material auf Dichte. Eigentlicher Höhepunkt dieses Tages wäre die Besteigung des Scheffauers gewesen…. eigentlich. So bleibt uns nur der direkte Weg zum Hintersteiner See. Der Pfad zur Steiner-Alm ist eigentlich ein Bachlauf und trotz der trüben Witterung traumhaft schön. Bei frischer Milch bzw. Buttermilch bedauern wir, dass wir statt des Sees nur Nebel sehen. Der Abstieg ist ein langer Hatsch über die Fahrstraße und später über die Seestraße. Im Seestüberl legen wir uns trocken und essen uns glücklich. Im „Schnürlregen“ geht es weiter, vorbei am Hintersteiner See – die Badesachen bleiben unbenutzt – bis wir an der Jausenstation Maier ankommen, wo wir im Wanderhäuserl unsere Unterkunft haben. Auch hier gibt es eine Dusche und einen Föhn. An unserem letzten Abend genießen wir noch einmal die heimische Küche und nehmen einige regionale Getränke zu uns. Wir beschließen, am nächsten Tag mit dem Bus nach Kufstein zu fahren und unseren Frieden mit dem Regen zu machen, denn: wenn’s schnürlt, dann schnürlt’s halt.

 

Auch wenn wir die Tour etwas ändern mussten und uns zwei Gipfel verwehrt waren, hatten wir tolle Wandertage in einem grandiosen Wandergebiet. Aber was ist das tollste Wandergebiet ohne eine gute Planung und ohne eine harmonische Gruppe?