Als unsere Sektion ihre jüdischen Mitglieder verlor

Sektionschef Otto Pempel meldet dem Hauptverband in München den Austritt der jüdischen Mitglieder

Seit knapp einem Jahr beschäftigt sich eine Gruppe unserer Sektion (Mechthild Zimmer-Zilias, Michael Sauter und Matthias Weber) mit der Vergangenheit der DAV-Sektion Wiesbaden – insbesondere mit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Dabei standen zunächst vor allem das Sichten des Archiv-Bestandes sowie die Kontaktaufnahme mit anderen Einrichtungen (Aktives Museum Spiegelgasse, Hauptstaatsarchiv, Stadtarchiv, etc.) im Zentrum. Vielen Dank an alle, die uns in den vergangenen Monaten tatkräftig unterstützt haben, vor allem an Bernhard Klein und Jörg Lantzsch. Wir brauchen aber auch künftig Unterstützung, vor allem von Menschen, die noch Schriftstücke, Briefe, Erinnerungen an die Zeit vor 1945 in unserer Sektion haben. Da aus dieser Zeit so gut wie nichts erhalten ist, sind wir für alles dankbar.

Hier ein erster Text, der aus unserer bisherigen Tätigkeit entstanden ist. Er beschäftigte sich mit den jüdischen Mitgliedern unserer Sektion, die Anfang 1925 nach der Auseinandersetzung um die Sektion Donauland ausgetreten sind.

„Soeben erklärten mir die jüdischen Mitglieder ihren Austritt“

Die Alpenvereins-Sektion Wiesbaden und ihre Rolle in der Donauland-Affäre

Mit Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 begann auch in Wiesbaden die staatlich sanktionierte Judenverfolgung. Dieses dunkelste Kapital der deutschen Geschichte kam nicht aus dem Nichts. Es war negativer Höhepunkt der antisemitischen Strömungen in Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die so genannte Dolchstoßlegende verband ab 1918 antidemokratische und antisozialistische mit antisemitischen Motiven. Es gründeten sich zahlreiche rechtsradikale Gruppierungen, die unter anderem in Juden und Sozialdemokraten Staatsfeinde sahen, die dem siegreichen Heer heimtückisch in den Rücken gefallen seien und damit die Niederlage von 1918 verschuldet hätten. Auch in vielen Wiesbadener Vereinen gab es diese Auseinandersetzungen. Die Wiesbadener Sektion des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuOeAV), mit rund 500 Mitgliedern einer der größten Vereine der Stadt, verlor bereits im Januar 1925 seine jüdischen Mitglieder. Hintergrund war die heftige Debatte um die Sektion Donauland, die den DuOeAV zu Beginn der Zwanziger Jahre in seinen Grundfesten erschütterte.

Sammelpunkt gegen die „Welle des Hasses“

Die Sektion Donauland hatte sich 1921 in Wien gegründet – als Folge der vor allem in der dortigen Sektion Austria starken antisemitischen Bewegung. Die neue Sektion verstand sich selbst als Institution, um „allen jenen ein Sammelpunkt zu sein, die sich abgestoßen fühlen von der Welle des Hasses“. Hier kamen viele von denen zusammen, die in den anderen Sektionen keine Heimat mehr fanden, die meisten von ihnen waren jüdischen Glaubens.

Aber schon bei ihrer Aufnahme in den Hauptverband war die neue Sektion höchst umstritten. Im März 1922 gründete der bekannte Bergsteiger und bekennende Antisemit Eduard Pichl den „Deutschvölkischen Bund“ im DuOeAV, der auf eine „Arisierung“ des Alpenvereins hinarbeitete und den Ausschluss der Sektion Donauland wollte. Pichl und seine Mitstreiter wollten auf den Hauptversammlungen ab 1922 durchsetzen, dass die Sektion Donauland aus dem Hauptverband ausgeschlossen wird. „Die Sektion Austria und die mit ihr verbundenen österreichischen Sektionen stehen auf dem Standpunkte, und zwar unverrückbar, daß die Angehörigen des Judenvolkes in unserem deutschen Volke ein Fremdkörper sind und daß daher die S. Donauland infolge ihrer Zusammensetzung nicht Eingang finden darf in den D. u. Oe. A. V“.

Vertrat die Sektion bei den Hauptversammlungen Anfang der 20er Jahre: Schriftwart August Claas (l.)

Nachdem die Anträge, die Sektion Donauland aus dem Alpenverein auszuschließen, auf den Hauptversammlungen 1922 und 1923 nicht die erforderliche Mehrheit bekommen hatten, drohten im Vorfeld der Hauptversammlung 1924 die 98 österreichischen und drei deutschen Sektionen, die dem Deutschvölkischen Bund angehörten, mit ihrem Austritt aus dem DuOeAV. Um die drohende Spaltung des Vereins zu verhindern, legte der Hauptausschuss (HA) eine Kompromissformel vor: Unter der Voraussetzung, dass der Deutschvölkische Bund seine Auflösung beschließen und acht Jahre lang jeder Vorstoß unterbleiben würde, im DuOeAV auf Hauptvereinsebene den Arierparagraphen einzuführen, erklärte der HA seine Zustimmung zu einem Antrag, der de facto auf den Ausschluss der Sektion Donauland hinauslief.

Der HA-Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Da sich die Sektion Donauland aber weigerte, „freiwillig“ auszutreten, berief der HA für den 14. Dezember 1924 eine außerordentliche Hauptversammlung nach München ein. Einziger Tagesordnungspunkt war die Entfernung der Sektion Donauland aus dem DuOeAV. 1.663 stimmberechtige Delegierte votierten für den Antrag, darunter auch der Delegierte der Sektion Wiesbaden in München, Schriftwart August Claas. Es gab 190 Gegenstimmen.

Jüdische Mitglieder treten aus

Dass die Sektion Wiesbaden für den Ausschluss stimmte, war – zumindest außerhalb des Vorstands – offenbar zunächst nicht bekannt. Ende Dezember, zehn Tage nach der Münchner Entscheidung, fragten Sanitätsrat Dr. Nathan Nikolaus Heß und 13 weitere Sektionsmitglieder per Einschreiben beim Vorstand an, ob der Vertreter der Sektion in München „im Auftrag des Vorstands der S. gehandelt“ habe und weshalb der Vorstand „in dieser wichtigen Angelegenheit nicht vorher eine außerordentliche Generalversammlung mit Angabe der Tagesordnung einberufen“ habe.

Die Antwort des Vorstands kam schnell und war knapp und eindeutig:

„1.) Der Vertreter hat im Einverständnis mit dem Vorstand gehandelt. 2.) Zur Einberufung einer außerordentlichen Generalversammlung vor der Münchner Tagung hat der Vorstand keine Veranlassung gefunden.“

Die jüdischen Sektionsmitglieder traten daraufhin aus der Sektion aus. In einem Schreiben vom 23. Januar 1925 meldete der Vorsitzende der Sektion Wiesbaden, Oberst a.D. Otto Pempel, dem Hauptausschuss in München, „soeben erklärten mir die 14 jüdischen Mitglieder unseres Vereins schriftlich ihren Austritt aus der Sektion Wiesbaden“.

Die Geschehnisse um das Abstimmungsverhalten der Sektion beherrschten die ersten Vorstandssitzungen des Jahres 1925. Ob diese Diskussion auch bei den anderen Sektionsmitgliedern geführt wurde, ist unklar. Es gibt dafür keine Belege oder Hinweise. Im Berichtsheft der Sektion für das Jahr 1925 werden die Geschehnisse mit keiner Silbe erwähnt.

Matthias Weber

 

Der Wiesbadener Kurier hatte dazu folgenden Artikel.