Rother-Wanderführer „Champagne-Ardennen“

Andreas Frenkel hat den neuen Rother-Wanderführer „Champagne-Ardennen“ gelesen. Hier sein Bericht:

Thomas Rettstatt hat einen Wanderführer vorgelegt über zwei etwas abseitige (Wander-)Landschaften, Champagne und Ardennen, so auch der Titel des im Rother-Verlag erschienenen Buches. In der Tat, die Ardennen sind als Wanderregion, vom heimischen Rhein-Main-Gebiet betrachtet, recht abgelegen, und mit der Champagne wird eher das Getränk gleichen Namens verbunden als ein Wandergebiet.

47 Touren, überwiegend Rundtouren, unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit stellt der Verfasser vor.

Schlagen wir aufs Geratewohl auf und machen die Stiefelprobe: Tour 21, die Rundtour von Bellevue – 5,5 km, 2 3/4 Stunden. Rucksack mit Proviant aufsetzen. Unterwegs ist keine Einkehr möglich. Auf geht’s!

Ausgangspunkt ist Hautvillers. Auf der Dorfstraße, Rue de Bacchus, gelangen wir, wie beschrieben, auf die Rue d’Éguisheim. Hier erreichen wir nach wenigen Minuten das Haus 88 auf der rechten Straßenseite – Hof, Parkplatz und Terrasse eines Champagnerhauses. Der Verfasser führt – leider – nur an „zahlreichen Kellereien vorbei“ … und verpasst etwas Großartiges: Die Aussicht vom freizugänglichen Terrassen-Parkplatz des Champagnerhauses ist zu rühmen – mon Dieu! Das darf man doch nicht versäumen und vorbeistiefeln! Man kann einfach so auf die Terrasse treten, Eintritt frei, nur ein Dutzend Schritte vom beschriebenen Weg! Kaum sind wir ein paar Minuten unterwegs, da trumpft die Champagne-Landschaft mit einem Appell an Augenmenschen. Was für eine Aussicht! Unter uns noch einzeln zählbare Weinstöcke, dann verliert sich alles in Grün und kilometerweiter blauer Ferne … bis zum Horizont, großartig! Was für eine Landschaft!

Verraten sei an dieser Stelle, dass das Champagnerhaus eine moderne, lichte und ebenfalls aussichtsreiche Probierstube hat, und zwar mit festen Öffnungszeiten. Leider fehlt im Führer diese nützliche Information. Man kann dort also am Ende der Rundtour unangemeldet und ohne Schwellenangst eintreten, probieren – und bestellen. Die Senior-Chefin spricht deutsch.

Jetzt, am Beginn der kurzen Rundtour, wäre eine Champagner-Einkehr verfrüht, also weiter! Für die Rückkehr merken!

Der Verfasser leitet nach einiger Zeit an einem „Neubau“ vorbei. Wär’s das, wäre diese nüchterne Beschreibung zur Orientierung ausreichend. Das Gebäude heißt Royal Champagne, Hotel & Spa. Name und Architektur lassen einen Anspruch ahnen … Ein Wanderführer ist kein Architekturführer und braucht nicht zu diskutieren, ob sich der „Neubau“ – aus welchen Gründen auch immer – in die Landschaft fügt oder mit ihr disharmoniert. Aber die schlichte Bezeichnung „Neubau“ ist beliebig, nicht angemessen.

Der überaus auffallende „Neubau“ liegt am beschriebenen Ansteuerungspunkt Bellevue, und Wanderer haben die Wahl, in der Nähe des ansehnlich großen „Neubaus“ zu rasten (zur Erinnerung: Der Verfasser nennt für die Tour 21 „keine Einkehr“) und erneut die Landschaft anzustaunen oder – vielleicht gibt es im „Neubau“ doch eine Einkehr? – mutig (!) einzutreten und nach der Terrasse zu fragen. Vorwärts! Wer wagt, gewinnt! Die Terrasse ist bewirtschaftet, eine Einkehr!

Was für eine prächtige Aussicht! Sie wird immer grandioser, wenn man die Innentreppe hinaufgestiegen ist, zur Terrasse geht und die Landschaft sich Schritt für Schritt öffnet! Wieder spielt die Champagne Trumpf. Und jetzt – schließlich sind wir, anders als beschrieben, in einer Einkehr gelandet – sollte das vom Verfasser an anderer Stelle erwähnte „prickelnde“ Getränk aufgefahren werden. Wir wandern doch in der Champagne und nicht auf einer Alm! Wann kommen wir denn sonst hierher? Wir sollten hier auch etwas für die Seele tun – uns zurücklehnen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen … und bedenken, dass Goethe nicht hier war! Er kam nur bis Valmy, nicht sehr weit von hier. Wäre Goethe hierher gelangt, hätten ihn, den erklärten Augenmenschen, die Musen sicher inspiriert zu „… weingeschmückten Landesweiten, hochgesegneten Gebreiten …“ oder wertgleichen Hymnen, und auf der Tafel stünde neben „Bellevue“ vielleicht eine ganz bescheidene völkerfreundschaftliche Ergänzung („Vue Goethe“).

Wenn man sich sattgesehen hat (Durst und Appetit sind unbedingt vor dieser unerwarteten Einkehr aus dem Rucksack zu stillen, um nicht das Budget zu sprengen!), geht es weiter. Der Verfasser schreibt den Weg zuverlässig, ziel- und richtungssicher. Da kann nichts schiefgehen.

Bald ist Hautvillers, der Ausgangspunkt am Touristenbüro, erreicht, knapp 6 km, 2 ¾ Stunden – wie vom Verfasser beschrieben.

Was machen wir denn mit dem Rest des Tages?

Hier lässt der Verfasser – leider – jede Anregung vermissen. (Kultur-) Anregungen für die Zeit neben und nach der Wanderung sind nicht notwendigerweise Aufgaben eines Wanderführers, schaden aber ganz bestimmt nicht, um die fremde Landschaft zu öffnen, zu erschließen! Und Hautvillers hat zum Champagner einen ganz besonderen Bezug, den der Verfasser mit ein paar Zeilen und Anregungen durchaus hätte würdigen müssen!

Der Mönch Dom Pérignon – ohne ihn geht hier nichts! – experimentierte in der Abtei von Hautvillers, und erfand die Grundlagen der Champagner-Herstellung. Deshalb schmückt sich Hautvillers auch mit dem Zusatz „Berceau du Champagne“ – Wiege des Champagners. Hier legte der Mönch den Grundstein zum heutigen Weltruhm der Landschaft. In der Abteikirche von Hautvillers (in der Karte des Wanderführers eingetragen; Öffnungszeit im Touristenbüro erfragen) ist sein Grab zu finden.

Der Champagner-Freund kann – in wenigen Minuten – hinpilgern und bei dieser Gelegenheit auch einen Eindruck vom schmucken Hautvillers gewinnen (sehenswert sind u.a. das Rathaus und der charakteristische Fassadenschmuck der Häuser). Und ein Champagner-Wanderfreund sollte zuvor standesgemäß den Proviant ergänzen! Wie nah liegt das Gute: In der Rue Dom Pérignon, Haus 36, ein Steinwurf vom Ausgangspunkt der Tour 21 entfernt, findet sich ein untypischer Champagner-Laden, wo man nicht nur ohne Schwellenangst eintreten, sondern auch Champagner verschiedener Winzer probieren und kaufen kann. – Nehmen wir eine tiefgekühlte Flasche, wickeln sie zur Isolierung fest in mehrere Lagen Zeitungspapier und machen uns auf den Weg zur Abteikirche, zu Dom Pérignon! Nein, die Flasche wird nicht hier geöffnet, noch nicht! Geduld! Wenn wir die Abteikirche verlassen, wenden wir uns aufwärts, dann nach links, sachte talwärts an der Umfassungsmauer des Abtei-Geländes entlang. An ihrem Ende ist – wieder nach nur wenigen Minuten – der Picknickplatz (Aux Tuillots) von Hautvillers erreicht, und die Landschaft hat sich bereits geöffnet … Wieder ein Traumblick! In der Ferne das schmale blaue Band der Marne, beidseits gerahmt von „… weingeschmückten Landesweiten …“ – herrlichst (vor und unter uns, in der Ferne, die Route 20 des Führers)! Jetzt auf die – hoffentlich – freien Bänke setzen, sonst in Gras legen, den Rucksack als Kopfkissen verwenden und über die Stiefelspitzen die Landschaft betrachten, die Flasche öffnen und sich durch den Rest des Wandertages träumen – „vivre comme Dieu en France …“ Wie schade, dass der Verfasser so etwas weder anregt noch zeigt.

Der Wanderführer enthält im allgemeinen Teil ausführliche touristische Informationen für die „technische“ Vorbereitung einer Reise in diese eher weniger vertrauten Wandergegenden (Anschriften, Nutzung von GPS-Daten, Wander-Sprachführer und vieles mehr). Der Verfasser hat die Wege selbst erwandert – das ist auf Tritt und Schritt zu spüren -, und die detaillierten und sehr sorgfältigen Routenbeschreibungen mit Karten (1:50.000) und Höhenprofilen versehen und die Anforderungen (Länge, Schwierigkeit, Beschaffenheit der Wege, Wegzeiten) beschrieben. Diesen Schwerpunkt hat der Verfasser mit gründlicher Kenntnis und großer Sorgfalt gesetzt. Hinweise auf vermisste Markierungen – und geforderte erhöhte Aufmerksamkeit bei der Orientierung – fehlen nicht.

Ein rundum zuverlässiger Wanderführer, wenn man von A nach B will … und damit zufrieden ist.

Der Verfasser macht jedoch zu wenig neugierig auf das Fremde, übersieht Charakteristisches und Schönes der durchwanderten Gegend und vermittelt keine Begeisterung.

Diese Lücken empfindet der Rezensent.

Andreas Frenkel

Thomas Rettstatt, Champagne-Ardennen, 192 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-7633-4522-9, Bergverlag Rother 2019